“War das früher auch so langweilig?” – Spieleklassiker auf dem Emulator zocken

Nostalgie ist eine gefährliche Sache. Auf der Suche nach den Gefühlen, die einem Computerspiele in Kindertagen vermittelt haben, landet man früher oder später bei Emulatoren alter Systeme, die auf dem aktuellen Heim-PC laufen. Das sind mehr oder weniger liebevoll gemachte Programme, die  einem (hoffentlich ohne viel Vorarbeit) den Startbildschirm des guten alten C64, des MegaDrives oder eines DOS-PCs in einem Windows-Fenster auf den 27” Monitor zaubern. Diese Fenster sind, weil in Originalauflösung des Ur-Systems, höchstens noch so groß wie eine 3,25” Diskette, aber es reicht für ein warmes Gefühl im Herzen. Da blinkt dann der BASIC Cursor im hübschen Hellblau und schon läuft einem ein warmer Schauer über den Rücken. Da ist er wieder, der Sommer 1988, als die einzige Verpflichtung darin bestand, relativ pünktlich zum Abendessen wieder zuhause zu sein. Ansonsten nichts. Kein Auftrag. So saß man tagelang mit dem besten Freund, der 3 Straßen weiter wohnte und schon einen Amiga hatte, vor dem Bildschirm und spielte diese großartigen Spiele, die einen so fesseln konnten. Wie fantastisch müssen sie gewesen sein, verglichen mit den kurzlebigen Eindrücken heutiger Spiele. Gestern Gekauft, heute gespielt, morgen gelöscht. “Ja, war ganz nett. Aber ein California Games, ein Murder on the Mississippi oder ein LHX Attack Chopper hatten doch viel mehr Charakter! Diese Spiele haben mich nicht nur unterhalten, sie haben mich glücklich gemacht!” – weiß der Nostalgiker und das Pipi schießt ihm in die Augen, wenn er den Emulator erstmals zum Laufen kriegt. Aber ab dann geht’s meistens steil bergab.

Die “großartigen” Spiele, die die Kindheit der heute Dreißig- und Vierzigjährigen geprägt haben, mussten sich nicht gegen besonders attraktive Alternativen durchsetzen. Man hat sie schlicht vergessen, die extreme Langeweile eines langen Sommertages. Was sollte man denn tun, wenn man kein Geld hatte, die Freunde im Urlaub waren und im Fernsehen eine Stunde Kinderprogramm am Tag lief? Lesen? Wuhaha! So wurde selbst dem schwächsten Spiel eine echte Chance gegeben. “Wie? Wir kommen mit unserer Spielfigur nicht mal aus dem ersten Bildschirm raus, weil wir nicht wissen, was wir überhaupt tun müssen? Egal! Lass es uns stundenlang versuchen!” Die teilweise eklatanten Schwächen der Spiele glich man einfach durch Fantasie und Einfühlungsvermögen (im wahrsten Sinn des Wortes) aus. Das Spiel selbst machte höchsten ein Drittel der Unterhaltung aus, der Rest war die soziale Erfahrung des gemeinsamen Spielens. Wobei “gemeinsam” bedeutete, dass einer spielte und einer daneben saß und alles kommentierte, was ihm erwähnenswert erschien. Gruselige Spiele waren anders als zu zweit überhaupt nicht spielbar und “gruselig” war damals leicht mal was. So konnte man die tiefe Erschütterung zumindest auf zwei gequälte Seelen aufteilen. Wie ein Kriegstrauma teilte man sich die Erfahrung an der elektronischen Front und nur reden, reden, reden half über die schwere Zeit der ersten Tage hinweg. Aber wie spannend das war!

Ein farbenfroher Startbildschirm irgendeiner Cracker-Vereinigung wurde als Teil des Spiels missverstanden. “Ur geile Grafik!”. Und schon hatte das Spiel einen Fuß in der Tür, denn wer einen solchen Einstieg hinbekam, der musste auch den Rest draufhaben. Zum großen Glück der Entwickler gab es immer reichlich Vorschusslorbeeren vom jungen Volk und wenn ein Spiel selbst nach stundenlangen Versuchen völlig unzugänglich blieb, suchte man die Schuld bei sich selbst. “Das Spiel ist sicher super, aber ich weiß nicht, was ich tun soll.” Darauf setzten im Normalfall ausführliche Spekulationen darüber ein, was der Originalversion des Spiels (das Gerücht, dass es “Originale” gab, hielt sich hartnäckig) an erklärendem Informationen in Form von Handbüchern oder Karten beiliegen musste. Tatsächlich war es auch oft so. Heute gilt es als schick, den Spieler möglichst unaufdringlich mit der Mechanik des Spiels vertraut zu machen. Am besten er merkt gar nicht, dass er eigentlich ein Tutorial spielt, weil er so vom Erlebnis gefesselt ist, dass er die Lernkurve übersieht. Früher waren dagegen zwei Kilo Handbuch ein echtes Qualitätsmerkmal. Erst die Arbeit und dann das Vergnügen. Könnte ja jeder kommen!

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Cracker-Bildschirm von Eagle Soft

Besonders Simulationen boten den besonderen Reiz der Realitätsflucht. Alles durfte ewig dauern. Wie in Wirklichkeit. Auf irgendwas wartete man immer. Entweder darauf, dass der Kumpel das Spiel in der Diskettenbox fand, darauf dass es lud oder startete oder sonst irgendwie in die Gänge kam. Allein der Aufbau des Startbildschirms, Zeile für Zeile, minutenlang, konnte uns nicht aus der Ruhe bringen, denn es folgte ja “Trucking USA.” Und darauf lohnte es sich zu warten. Das Spiel setzte uns in den Fahrerstand eines amerikanischen Trucks und schickte uns wahlweise mit einer Ladung Orangen, Whiskey oder noch was anderem durch’s Land. Gefühlt in Echtzeit und kaum zu schaffen. Schwer durften Spiele damals noch sein. Ein Spiel, das so schwierig, ja direkt “unschaffbar” war, sagte immer nur etwas über den Spieler, nie über den Entwickler aus.

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Ja, fit und tatendurstig musst du sein – Trucking USA

Aber es gab sie trotzdem, die echten Perlen, die selbst nach heutigen Maßstäben noch anständige Spiele darstellen. Damals waren sie herausragend, göttlich, nicht von dieser Welt. Und schon alleine für diese paar Schmuckstücke lohnt es sich, die emotionale Achterbahnfahrt einer Emulator-Session zu wagen. Am Besten mit einer Tüte Sport-Gummis und einer Duran Duran Endlosschleife.

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