“Trifft eh nur Piraten und Porno-Süchtler!” – Die Telekom verabschiedet sich von der Flatrate

Zugegeben, um die Sätze“Bekommt den Scheiß Dienst erstmal richtig zum laufen ihr eselskinder!!!”  und “Drosselkom, Scheißverein!” auf die Facebook-Seite der Telekom zu schreiben, braucht man keine 16 Mbit/s an seinem Internetzugang. Das geht auch mit deutlich weniger noch ratz-fatz. Trösten wir uns also damit, dass selbst 384 kbit/s noch leicht ausreichen, um beim Shitstorm dabei zu sein. Das ist nämlich die Datenrate, auf die Telekom-Anschlüsse gemäß den Neukundenverträgen zurückgefahren werden, wenn ein bestimmtes monatliches oder tägliches Downloadvolumen vom Nutzer überschritten wird. Das Prinzip ist nicht neu. Jeder Smartphone-Nutzer weiß, dass er auf seinem Handy nicht beliebig ganze Spielfilme runterladen kann, ohne dass seine Rechnung nach oben oder die Verbindungsgeschwindigkeit nach unten geht. Aber hier reden wir vom kabelgebundenen Internet, von DSL, VDSL und Glasfaseranschlüssen. Das sind genau die Produkte, die in den letzten Jahren atemberaubende Geschwindigkeitszuwächse vorweisen konnten. Kaum hatte man eine 6 Mbit-Leitung ergattert, bot die Konkurrenz 16- oder gar 50 Mbit/s für einen Pappenstil mehr! Der Fahrtwind auf den neuen Datenhighways riss einem die fettigen Haare nach hinten. Und jetzt das! Zuerst gab es eine Marketingschlacht um die Heavy-User und bald soll Ihnen der Zugang gedrosselt werden.

In meiner Vorstellung, sitzt bei der Telekom eines Tages im Sommer 2012 ein Haufen schlecht gelaunter Produktmanager in einem Meeting. Die Ursache der schlechten Stimmung ist klar: “Wir haben festgestellt, dass unsere Kunden die Produkte auch tatsächlich nutzen, die wir Ihnen verkauft haben.” So ein Dreck, wer konnte damit rechnen? Die Wahrheit ist, dass das Nutzungsverhalten der Heavy-User von vor wenigen Jahren sich bald dem Durchschnitts-Nutzungsverhalten von jedermann angenähert haben wird. Videostreaming (ob legal oder illegal), Web-Radios, Could-Computing, DropBox und aufgeblähte Online-Festplatten für die  15 Megapixel-Fotos vom letzten Lignano-Urlaub verschlingen schon im Grundumsatz gewaltige Datenmengen. Und die wollen im Netz flink transportiert werden. Dass ein solches Nutzungsverhalten die Marschrichtung von jedermann sein soll, werden die großen Player im Telekommunikationsgeschäft nicht müde zu betonen. “Weg mit den Festplatten im eigenen Rechner! Stell deine Daten ins Netz! Greife von überall darauf zu!“

Wie passt da jetzt die Idee dazu, Nutzer, die große Datenmengen über ihre dicken Anschlüsse verschicken, durch Drosselung abzuwürgen? Genau, gar nicht. Es ist schizophren. Es ist der verzweifelte Versuch, ein Produkt durch künstliche Verknappung wertvoller zu machen. So, als würden die Autofahrer um sechs Uhr richtig glücklich nach Hause fahren, wenn sie wissen, dass die Autobahn um zehn Uhr gesperrt wird, um den Asphalt zu schonen. Gesperrt von den Leuten, die Ihnen jahrelang die neuesten Autos mit dem Versprechen verkauft haben, sie dürften damit überall und zu jederzeit auf allen Straßen die Sau raus lassen. Aber was heißt “wertvoller machen” in der Welt von Telekom und Konsorten? Es gibt sehr wenige Unternehmen die den Einsatz von “künstlicher Verknappung” als Marketing-Instrument in funktionierenden Märkten beherrschen. Abgesehen von der Produktpolitik von Apple in den Jahren 2007 bis 2009 gibt es kaum ein Beispiel für den Erfolg einer solchen Strategie. Es funktioniert ohnehin nur, wenn das Produkt entweder einzigartig ist oder ein stillschweigendes Abkommen unter den Marktpartnern besteht. Letzteres ist bekanntermaßen illegal. In einem funktionierenden Markt wird ein künstlich verknapptes Produkt einfach von einem Konkurrenten angeboten und das Problem ist gelöst. Warum also das Risiko eingehen, im großen Stil Kunden zu verlieren?

Die Wahrheit ist, dass die großen Internet Service Provider die Schnauze voll davon haben, nur den “Bit-Schubser” zu machen. Sie wollen mitmischen im Markt der Inhalte-Anbieter, wo mit Werbung und Abonnements richtig Reibach gemacht wird. Gesetzlich bewegen sich die Telekommunikationsunternehmen dabei in einer Grauzone. Die Netzneutralität verlangt, dass Inhalte-Anbieter(z.B. TV-Sender, Youtube, Facebook, etc.) und Übermittler (z.B. Telekom) keine gemeinsame Sache machen dürfen. Das ist im Sinn eines freien Internets und im Sinn aller Endkunden. Dienste wie “Entertain” oder “Home”, also IPTV-Services der Telekom, sind da schon grenzwertig, weil der Carrier zum Inhalte-Anbieter wird, lassen sich aber vertreten, solange gesichert ist, dass die Telekom den eigenen Dienst nicht innerhalb ihrer Netze bevorzugt. Wenn ich also an meinem 16 Mibt/s Zugang IPTV sehen möchte, muss ich die volle Datenrate für alle Anbieter zur Verfügung haben. Die Drosselung des Internetanschlusses aufgrund der Überschreitung des zugestandenen Datenkontingents wird aber die Telekom-eigenen Dienste nicht treffen. Das IPTV-Produkt der Telekom läuft also weiter in bester Qualität. Das stellt eine klare Bevorzugung eines Dienstes dar und ist damit ein Verstoß gegen die Netzneutralität.

Leider ist die Netzneutralität noch immer nicht sauber gesetzlich geregelt. Ein entsprechendes Gesetz würde die künstlicher Verkrüppelung von Internetanbindungen für die Telkos uninteressant machen, da der eigene Dienst nicht priorisiert werden dürfte. Leider ist die Vorstellung eines nicht durchregulierten Rechtsraumes für viele Politiker unangenehm und beängstigend. Dabei stünde die Sicherung der Netzneutralität für weise und vorausschauende Gesetzgebung in einem der entscheidenden Wachstumsmärkte.

Bis es soweit ist, sollte mal jeder das Kleingedruckte in seinem Internet-Vertrag lesen. Eine echte Flatrate ist seltener als man denkt.

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