Island und die Medizin

In Island ist eine Ecke schöner als die andere. Die Küstenstreifen sind von einer solchen Anmut, dass einem nicht mal das ständig miese Wetter die Laune verderben kann. Meer, Land und Himmel gehen in sanften Farbverläufen ineinander über. Der Wind treibt die frischeste Luft, die salzigste Brise, landeinwärts und trocknet die Tränen des Sehnsüchtigen.

Aber die Insel ist hart zu ihren Kindern. Island ist eine strenge Mutter. Geschenkt gibt es nur Dauerregen und kochendes Wasser (wie in einem britischen Bed & Breakfast). Doch die Einwohner haben es sich über die Jahrhunderte eingerichtet in einem Land, das ständig den Versuch macht, die lästigen Menschen vor die Tür zu setzen. Sie haben sich an die bewährte Regel zum beruflichen Aufstieg gehalten: “Wenn du nicht siegen kannst, schleime dich ein”. Der rätselhaften, unbarmherzigen Insel wurden also umfangreiche Rechte eingeräumt. Während man auf dem Kontinent der Natur ordentlich die Leviten las, indem man tiefe Stollen in die Berge trieb, ganze Landstriche rodete und zig Tierarten das Aussterben lehrte, hatte man sich in Island zum Buckeln entschlossen. Einem feigen Buckeln vor der Natur und ihrer Übermacht, das einen ordentlichen deutschen Ingenieur vor Peinlichkeit und Abscheu hätte ekelhaft würgen lassen. Pfui Teufel, dieser vorauseilende Gehorsam. Die Isländer waren sogar zu feige Zwangsarbeiter für die nötigsten Anpassungen in der Landschaft einzusetzen, als das absolut zum guten Ton gehörte. Und so kam es, wie es kommen musste: Es gibt keine einzige U-Boot Werft in ganz Island. Fortschritt geht anders.

So begab es sich, dass selbst heute noch viele Annehmlichkeiten, die in unseren blühenden Kulturlandschaften eine Selbstverständlichkeit darstellen, in Island unbekannt sind. Ich lade Sie ein, den Versuch zu unternehmen, die weltberühmte Gartenkralle oder ein anders elementares Gartengerät (z.B. Löwenzahnausstecher mit Fussbedienung) in Island zu erwerben. Sie werden überrascht sein. Wenn Sie in einem örtlichen Baumarkt danach fragen, werden Sie auf Unverständnis stoßen. Das liegt daran, dass die dort kein Deutsch verstehen. Dabei ist “Island” doch ein deutsches Wort! Eine Peinlichkeit reiht sich an die andere. Die Sprachbarriere ist aber nicht der einzige Grund, warum Sie die genannten Geräte nicht bekommen. In Island gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, nachdem es verboten ist, die Erdoberfläche auch nur im Geringsten zu beschädigen. Zusätzlich zu diesem ungeschriebenen Gesetz gibt es auch ein inhaltsgleiches geschriebenes Gesetz. Hier wird also nicht gekleckert, hier wird geklotzt. Jede Verletzung des Bodens durch Werkzeuge, Golfschuhe oder auch nur lange Fußnägel ist bei Strafandrohung untersagt. Wir rufen uns den kotzenden Ingenieur ins Gedächtnis.

Man kann sich vorstellen, dass die Bagger-, Schaufel- und Spatenbranche (BSSB) in Island zum Umdenken gezwungen war. Die Entwicklung einer nicht-invasiven Schaufel war nichts weniger als eine Zivilisationsleistung. Die immensen Entwicklungskosten im zweistelligen Milliardenbereich standen einem Markt von etwa fünfhundert Schaufeln gegenüber, was zu Essensschlachten auf den Hauptversammlungen der Hersteller führte. Dazu kam, dass die Isländer nicht zwischen den Begriffen Schaufel und Spaten unterscheiden. Die Produktdiversifikationsstrategie war angesichts der “Spataufel” ein Totalausfall. Und trotzdem, in den Spataufel-Abteilungen des Fachhandels können Sie heute aus einer anständigen Auswahl nicht-invasiver Modelle wählen. Für die dringendsten Aufgaben des isländischen Alltags konnte der freie Markt also eine Lösung anbieten.

Doch die Gesetzgebung hat auch Auswirkungen auf die wichtigste Einnahmequelle Islands: Den Medizin-Tourismus. Nachdem die Zelthering-Branche nicht über die finanziellen Mittel einer BSSB verfügt, steht bis heute ein nicht-invasiver Zelthering aus. In der Folge, wird die Landebahn des Hauptstadtflughafens regelmäßig vom steifen Westwind verblasen und ins nahe Meer geweht. Eine Katastrophe für den modernen, hochgezüchteten Flugverkehr, in dem aus Kostengründen jede Tankfüllung “auf Kante genäht” ist. Nicht erst einmal stürzte ein voll besetzter Arschfistel-Bomber, wie die Isländer die Charter-Flugzeuge proktologischer Medizintouristen liebevoll nennen, ins kalte Eismeer. Tragische Einzelfälle? Ja, etwa zehn im Jahr.

Die Fachwelt rätselt seit Jahren, warum gerade die isländische Medizin, und hier besonders die Chirurgie, konstant überdurchschnittliche Behandlungserfolge melden kann. Die hohe Erfolgsrate operativer Eingriffe auf Island führt zu einem Ansturm von Patienten aus aller Welt. Seit den siebziger Jahren ist jedes zweite Gebäude, das in Island gebaut wird, ein Krankenhaus. Häufig handelt es sich dabei um Neubauten von abgerutschten oder umgefallenen Bestandsgebäuden. Meist eine Folge der Null-Toleranz-Politik gegenüber Fundamenten. Der Ablauf der Katastrophe ist dabei prototypisch folgender: Das Gebäude wurde auf eine Schicht Butter gebaut (eine Folge falscher Einschätzung der Eigenschaften von Butter im Hausbau der späten sechziger Jahren) und die Abort-Eimer sind ungleichmäßig im Haus verteilt. Wenn nun ein Ameisenhügel an einer strukturschwachen Ecke des Hauses entsteht, gerät das Gebäude in Schieflage und beginnt zu rutschen. Verantwortungsvolle Chirurgen werfen in diesen Fällen ihre narkotisierten Patienten erst aus dem Fenster, bevor sie selbst springen. Ein häufiger Anblick in Island, der beim Betrachter einen warmen Stich von Menschlichkeit im Herzen hinterlässt. In Island wird Mitgefühl noch groß geschrieben.

Einige Experten sehen die überragenden Qualität der chirurgischen Praxis Islands der Tatsache geschuldet, dass ein isländisches Leben von Fein- anstellte von Grob-Motorik geprägt ist. Wer die Natur nie gehasst und durch Spatenstiche, Betonierung oder Unkraut jäten die Lust der Devastierung erlebt hat (Ja! Kaputttreten den Arschloch-Alu-Grill!), der findet sein Glück in der konstruktiven Handarbeit. Das befähigt zum Beruf des Chirurgen, der mit dem Skalpell in der Hand auch keinen Rappel kriegen sollten, weil er sie nicht mehr aushält, die ganze Friedlichkeit. Diese natürliche Sanftheit der Isländer, die sich auch in einem monoton-freundlichen Sing-Sang der Stimme zeigt, macht sie zu hoch geschätzten Kollegen, aber auch häufig zum Angriffspunkt homophober Patienten, die diese ganze schwuchtelige Eintracht nach drei Monaten TBC-Quaratäne nicht mehr ertragen können. Die Rechtfertigungen sind dabei immer ähnlich: “Der Chefarzt ging mit mir seiner Kompetenz derart auf den Sack. Ich musste ihm in die Pfeife hauen.” Nach Feierabend sieht man daher häufig Grüppchen von verletzten Ärzten, die sich bei einem warmen Getränk gegenseitig Mut zusprechen. Oder um es mit den Worten des Patienten zu sagen: “Jetzt rütteln sie gemeinsam am Watschenbaum.”

Sollten Sie auf den Geschmack gekommen sein, ihr medizinisches, wahrscheinlich ekelhaftes, Problem in Island behandeln zu lassen: nur zu. Sie sollten allerdings etwas Zeit mitbringen. Aus den oben genannten Gründen ist eine Anreise mit dem Schiff zu empfehlen. Kaufen Sie erstmal nur ein Ticket für eine einfache Fahrt und lassen Sie alles weitere auf sich zukommen. Und sollten Sie von Beruf Ingenieur sein: Atmen Sie tief ein und entspannen Sie sich.

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